Ich habe vergessen den Hamster auszutauschen

Besuch der Ausstellung Nature after Nature im Fridericianum

Wir stehen vor einer Wildschweinkule, an einem Ort, wie sie niemand erwartet hätte: Sie ist Bestandteil der Ausstellung „Nature after Nature“ im Museum Fridericianum. Als Kunst abgegossen steht sie nun auf vier Beinen und wir bestaunen das, was wir zuvor vielleicht nur als Dreck wahrgenommen hatten. – Wir, das ist eine Gruppe aus Mitarbeitern und Klienten der Sozialtherapie, sowie Akteuren des Theater Chaosium – die Idee sich einmal mehr mit Gegenwartskunst auseinander zu setzen, haben wir aus der Documenta mitgenommen. Susanne Jakubczyk, unsere Kunstbegleiterin an diesem Tag, hatte uns auch schon durch die Weltausstellung begleitet. Sie erklärt uns die Kunst nicht, vielmehr regt sie Diskussionen darüber an, was wir sehen und bringt immer wieder ihr Hintergrundwissen ein, um für mehr Verständnis zu sorgen.

So entstehen schnell Diskussionen darüber was denn eigentlich Natur ist – gibt es sie überhaupt noch? – Oder ist nicht schon alles vom Menschen beeinflusst und berührt und so zur Kulturlandschaft geworden?

Die Kunstwerke wirken zum Teil befremdlich, abgegossene Pfützen, dem Zerfall ausgesetzte Kleidung und Alltagsgegenstände, eingeschweißt und in Wasser getränkt. Nachgestellte Kulturlandschaft, mit Beton abgegossene Landschaftsgemälde. Später dann noch „Schaufensterterrarien“ kitschig befüllt mit Objekten deren Herkunft erst einmal nicht eindeutig zu orten ist. Steine aus Lutschkugeln, die wie Edelsteine anmuten, ein elektrischer Hamster läuft scheinbar endlos in einem Hamsterrad … Die wenigsten Werke würden ich als „schön“ bezeichnen – aber allemal ist es interessant hier gemeinsam diskutierend durch die Ausstellung zu gehen. Kunst als Denkanstoß zur Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart, das gelingt vor allem durch die gute Begleitung.

Wir verlassen mit als letztes das Fridericianum, hinter uns auf der Treppe unterhält sich die Aufsicht und einer fällt ein: „Oh, ich habe vergessen den Hamster auszutauschen!“ und sie dreht nochmal um, damit auch morgen noch der Hamster seine Runden drehen kann.

[Diesen Artikel habe ich für die Serpentine (Zeitung der Sozialtherapie Kassel e. V.) geschrieben.]

27. August 2014 von radunz
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